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Heimwehrts

So.

Alles hat ein Ende, nur die Wurst ja bekanntlich nicht. Unser Reiseabenteuer biegt auf die Zielgerade ein.

Wir fahren nordwestwärts. Im Moment saugen wir noch griechisches Meeresrauschen und Zikadenzirpen auf. In zwei Tagen geht’s auf die Fähre nach Ancona, Italien und in einer Woche sind wir schon zürück in der Schweiz. Jetzt geht’s zackig.

Unsere Herzen und Gedanken hangen gleichzeitig noch immer im Osten.

Heimweh kommt. Fernweh ist immer noch da. Das wird weiter verlässlich in unserer Brust pochen und uns auf neue Abenteuer vorbereiten.

Wir freuen uns auf Zuhause, auf alle und alles, was dort von uns neuentdeckt und weitergepflegt werden will.

Wir stellen uns die Frage, wie wir unseren vollbepackten Erfahrungsrucksack, die neugewonnenen Perspektiven, den Abstand zu allem, ja auch die wilde Seite des letzten Jahres in unser Schweizer Leben einfliessen lassen können.

Wie wird uns das Wiederankommen gelingen? Wir werden sehen.

Zum Abschluss der Reise – und somit auch dieser Blogreihe – teilen wir hier gerne noch ein paar Bilder unseres “Alltags” unterwegs.

Armenien

Das schauen wir uns doch an. Wenn wir schon mal hier sind. Ein Abstecher nach Armenien steht auf dem Programm.

Nachwamdis Sakartvelo, byebye Georgia. Wir kommen bald wieder. Barev Armenia!

Mein Sprachhirn explodiert bald. Aber ich lasse es mir natürlich nicht nehmen ein paar Fetzten Armenisch zu lernen.

Դու խոսում ես անգլերեն? = Du khosum yes angleren? Sprechen Sie Englisch?

Ցտեսություն = Tstesutyun, goodbye

Շնորհակալություն = Shnorhakalutyun, Danke

Wir merken (zum Glück) rasch, dass viele Leute gut Englisch sprechen. So auch Vachik und seine Familie. Wir treffen sie gleich am ersten Morgen in Odzun beim Horomayri Monastery. Sie laden uns zum BBQ im Garten in ihrem Wochenendhaus ein. Das lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Was für ein toller Einstieg in Land und Leute. Zum Shashlik gibt’s traditionellerweise Vodka. Nicht zu knapp. Mathias und ich nippen bei jedem “cheers” immer am gleichen Glas, während unsere männlichen Gastgeber eins ums andere runterkippen. 

Am nächsten Tag haben wir Alkoholfremdlinge natürlich Schädelbrummen.🙂

Frisches für die Lungen und Bewegung in den Beinen hilft. Wir wandern herrliche Tage in Dilijan.

Weiter fahren wir zum Lake Sevan. Dort treffen wir eine belgische Reisefamilie. James gefällt’s mit den beiden Jungs zu spielen und wir verbringen drei gemütliche Tag am See.

Dann zieht es uns zur Symphony of Stones im Gardi Gorge. Heisses Sommerwetter, wir schwitzen uns die T-Shirts voll auf der kleinen Wanderung weg vom Touristenstrom. Dort treffen wir auf zwei weitere herzliche Gesellen, die uns gastfreundlich zu sich winken. Dieses Mal gibt es Cognac. Macht’s nicht viel besser. Wir nippen wieder.

In den letzten paar Tagen Armenien erkunden wir die Hauptstadt Yerevan. Von hier haben wir herrlichen Ausblick auf den Ararat. Den haben wir ansatzweise vor ein paar Wochen von der anderen Seite in Türkiye erahnen können. Damals hielt er sich hinter dicken Wolken bedeckt. Jetzt zeigt er sich in vollem Glanz.

Schön waren die Tage in Armenien mit ganz viel Herzlichkeit und Bewegung.

Nun sind wir zurück in unserer Basis Georgien. Dort hatten wir eine Verabredung in Kakheti, der Weinregion im Nordosten des Landes. Da warteten einige Highlights auf uns. Mehr dazu beim nächsten Mal.

Von kleinen Abenteuern

So. Die Muse küsst wieder.

Das ist nicht immer gleich mit der Inspiration. Die kommt. Oder eben auch nicht. Seit dem letzten Blogeintrag ist viel passiert und wir haben viel gesehen. Es waren Wochen des Aufsaugens und Verarbeitens. Wochen voller türkischer Herzlichkeit und Gastfreundschaft in wunderschönen Landschaften.

Unser Ziel für März war Kappadokien. Diese Gegend in Zentralanatolien ist bekannt für und begeistert dank ihrer skurilen und märchenhaften Tuffsteinformationen. Es gibt unzählige Höhlenstädte und der Anblick von bis zu 150 Heissluftballonen, die frühmorgens über die Landschaft schweben ist einzigartig.

Nach ein paar aktiven Tagen (Wandern, Velofahren und Reiten 🙂 in und um Göreme – dem Zentrum Kappadokiens – zog es uns wieder Richtung Osten.

Konkret an den Van See. Er ist der grösste See in der Türkei und der grösste Sodasee (hoher Salzgehalt) der Erde. Die Kulisse dort ist atemberaubend: die umliegenden Berge (zum Teil bis 4000 m hoch) immer noch schneebedeckt, am See doch schon frühlingshafte Temperaturen. Ein Ort zum Entspannen. Nach ein bisschen Aufregung.

Denn: auf einer Reise dreht sich ja viel. Viel um die Umgebung, in der wir uns bewegen. Viel um uns selber und wie sich unser eigener Kosmos weiterentwickelt. Aber natürlich auch unsere Räder. Die drehen zuverlässig. Doch an diesem Abend, als wir beim Van See ankamen, war da ein bisschen zu viel drehen. Es war schon dunkeln, wir wollten an einen Stellplatz am Seeufer, doch wir sahen zu spät, dass der Boden zu feucht war: eingematscht! Die Räder drehten durch, wir steckten fest.

Ok, ruhig Blut. Das hatten wir ja schon einmal – auf dem Iori Plateau in Georgien. Wir sind also erprobt. Doch damals war es einfacher Holz aufzutreiben, um eine “Matschbrücke” zu basteln. Hier nur karge Steppenlandschaft um den See. Nix Bäume. Nach ein paar vergeblichen Versuchen, rauszukommen, kamen die Sandbleche zu ihrem ersten Einsatz mit uns. Doch es wäre ja zu einfach gewesen, wenn die sich so locker lässig hätten abmontieren lassen. Die Halterung war an einer Seite natürlich total verrostet. Die Schraube liess sich keinen Millimeter bewegen. Da muss WD-40 her. Mit ein bisschen Schmieren wird das schon klappen. Denkste. Mathias flucht ja wirklich nicht oft, geschweige denn voreilig. Doch an diesem Abend, im Dunkeln irgendwo am Ufer des Van Sees hat man ihn gehört. Nach halbstündigem Herumprobieren diese Sandbleche zu lösen, der Entscheid: jetzt geht’s nur noch brachial. Mit dem (unerwartet sehr robusten) Klappspaten wurde das Dinge einfach weggehauen. So.

Nun also die absehbare Rettung für unseren DAF aus dem Matsch. Mit den Sandblechen, bzw. Matschblechen kein Problem. Am nächsten Tag organisierten wir in Van dann eine neue Halterung. An diesem Abend jedoch wurde es spät. Ein weiteres unvergessliches Erlebnis verbucht. Leider gibt es davon keine Fotos. 🙂

Die Aussicht am nächsten Morgen liessen die Strapazen des Vorabends mit einem Wimpernschlag verfliegen.

Dem Frühling entgegen

Seit gut einem Monat sind wir wieder in der Türkei, dem Süden und den frühlingshaften Temperaturen entgegen.

Das erste, was uns auffiel nach der Grenze: die Strassen sind ein Traum, im Vergleich zu den Georgischen Strassen (oder was dort teilweise als Strassen bezeichnet wird). So ganz ohne Schlaglöcher kamen wir vorwärts. Das Zweite, das uns Freude brachte: die unglaubliche Gastfreundschaft. “Hoşgeldiniz!” Seid herzlich willkommen!, hören wir überall, wo wir hinkommen.

Wir sind von Georgien bei Çıldır über die Grenze und haben die erste Nacht am Çıldır Gölü (Lake) im Schnee verbracht. Der nächste Halt war die Provinzhauptstadt Kars. Wir fanden schnell heraus, dass Kars sowas wie das Käse-Mekka der Türkei ist. An jeder Ecke gibt’s einen Käseladen. Sie produzieren und verkaufen auch Gruyère, der hier halt einfach Gravyer heisst. Natürlich landeten wir in einem der Käseläden. Und natürlich sind wir herzlich empfangen worden und bekamen Çay serviert. Der Verkäufer war ganz aus dem Häuschen, als wir ihm die Fotos von unseren Alpsommern zeigen, wie wir (damals noch jung und frisch) selber Käse hergestellt hatten. Zum Abschied noch ein Foto zusammen ‘Cheese’ und dann “güle güle!” bye bye! Käse verbindet.

Weiter gings nach Mardin. Die Altstadt, die sich an den Hügel schmiegt, ist UNESCO Weltkulturerbe und diese wollten wir uns ansehen. Von oben sieht man bei gutem Wetter bis nach Syrien. Die Grenze ist nahe. Viele Syrer leben hier. Bei einem davon essen wir fantastisch gute Falafel, bei einem anderen schlemmen wir leckeres Gebäck. Doch wir sollten auch noch den Notfall und die vielen Apotheken der Stadt kennenlernen. Die Altstadt ist eben wirklich alt und steil und im Dunkeln sieht man manchmal das eine oder andere Loch in der Treppe nicht. So geschehen für Mathias. Der Arme hat sich den Fuss umgeknickt und sich wohl die Bänder gezerrt. So ganz genau haben wir es nicht herausgefunden. Der erste Notfallarzt meinte, der eine Fussknochen sei geprochen, der Orthopäde meinte nix gebrochen. Wenn möglich belasten und doch gut schonen. Das hiess: Daniela am Steuer.

Nun gings also noch etwas gemütlicher mit einem kaputten Fuss an Bord weiter nach Şanlıurfa. Das ist ein Besuch wert und eines der Highlight auf unserer Reise. Der Basar war eine Zauberwelt. Hier duftete es förmlich nach Orient. Und u.a. nach frischem Menengiç Kahve. Diese kurdische Köstlichkeit haben wir hier entdeckt.

Nun aber ab ans Meer. Wie des Öfteren verweilen wir jeweils länger an einem Ort, als wir das im Voraus denken. Diese Freiheit zu bleiben, wo es uns gefällt, (noch) ohne Zeitdruck ist im Moment unser Luxus.

Unterwegs trafen wir noch andere Reisefamilien aus der Schweiz und aus Österreich. James genoss die Zeit mit den anderen Reisekindern und das gemeinsame Spiel in Deutscher Sprache, besonders natürlich auf Schwiizerdütsch.

Seit anfangs Februar haben wir also wieder die Füsse im Salzwasser, die Meerluft im Gesicht und die Entschleunigung im Herzen. Wir verweilen. Manchmal ist das pure Verweilen gar nicht so einfach. Doch es tut uns unendlich gut.

So sammeln wir genug Energie für unser Ziel im März: Kappadokien.

Das war unser Dezember 2023 – Teil 2

Nach der Zeit in Tbilisi hatten wir noch etwas vor. Wir wollten den südöstlichen Zipfel des Landes, nahe der Azerbaijanischen Grenze besuchen; das Gebiet rund um den Vashlovani Nationalpark und das Iori Plateau.

Da soll es schön sein, anders, einzigartig. Haben wir gelesen, wurde uns von mehreren Seiten erzählt. Na dann schauen wir doch mal.

Alle Papiere organisiert (Permit für den Nationalpark und von der Grenzpolizei – ohne geht’s nicht), genug Proviant eingekauft und mit Wasser ausgestattet für 10 Tage. Wir gehen in die Einsamkeit.

Auf dem Weg zum Nationalpark besuchten wir den lahmgelegten, ehemals sowjetischen Flugplatz Shiraki. Er war damals einer der grössten Militärflugplätze, Hangare soweit das Auge reicht. Heute grasen hier Kühe und in den Hangaren wird Getreide gelagert. Besser so.

Bald schon liessen wir die Zivilisation und somit auch die Netzverbindung hinter uns. Dank dem Off-Road Guide “Explore Georgia” OunTravela haben wir einen treuen Reisebegleiter. Die Off-Road Touren sind hervorragend beschrieben, inkl. Kartenmaterial und Koordinaten.

Schon als wir noch in Bern waren, haben wir James vorgeschlagen, dass wir den kaukasischen Leoparden im Vashlovani Nationalpark suchen. Den haben wir leider nicht gesehen. Er hat hier nicht mehr genug Lebensgrundlage. Ein Gazellen-Wiederansiedlungsprojekt zusammen mit dem WWF sollte 2015 helfen, dass wieder mehr Gazellen hier leben (eine von 20 konnten wir in der Ferne erkennen). Dann kehrt vielleicht auch der Leopard zurück.

Dafür sahen wir wunderschöne, für unsere Augen andersartige Landschaften. Wir konnten uns gar nicht sattsehen und saugten sie auf wie Schwämme.

Wir fragten uns zwischendurch, ob wir noch in Georgien sind oder schon in der Zentralasiatischen Steppe oder doch in der Afrikanischen Savanne? Unglaublich. Wir sind so dankbar, dass wir das erleben können.

In dieser stillen, menschenleeren Weite kam bei mir das Gefühl der eigenen Winzigkeit stark auf. Dieses Gefühl kenne ich gut, wenn ich in den Bergen unterwegs bin. Kennst du dieses Gefühl auch?

Die Kraft und die Gleichgültigkeit der Natur, die einfach so atemberaubend daliegt, wie wenn nichts wäre. Erst wir Menschen geben ihr die Wertung, die Bedeutung.

In der Begegnung mit der Natur begegne ich gerne auch mir selbst. Wenn alles andere drum herum weg ist. Keine Ablenkung, kein Handyempfang, keine Termine. So winzig gross bei sich selbst sein. Diese Momente hatte ich hier stark. Wenn auch die ruhigen Momente mit einem 5-jährigen Energiebündel rar und kurz sind. Sie sind da. Ich darf sie mir genehmigen. Und vielleicht sind sie gerade wegen ihres Raritätenstatus und ihrer Kürze umso kostbarer.

Das war unser Dezember 2023 – Teil 1

In den Dezember rutschten wir auf dem gefrorenen Lake Paravani. Der liegt in der Vulkanlandschaft auf dem Javakheti Plateau westlich von Tbilisi. Dort hat es uns unheimlich gut gefallen. Kurz bevor wir dann die Hauptstadt in Angriff nahmen, wanderten wir durch den Birtvisi Canyon und erklommen bei milden Temperaturen das Birtvisi Fortress. Noch einmal viel frische Luft und Einsamkeit. Denn dann kamen wir von der ruhigen, teilweise menschenleeren Landschaft ins Grossstadtgetümmel.

Tbilisi im Dezember? Yeah! Und wie. Wir verbrachten ganze 16 Tage in der Georgischen Hauptstadt. Wir wollten ohne Stress eintauchen dürfen. Die ersten zwei, drei Tage fühlten sich etwas sperrig an. Es hatte geregnet, alles kam uns grau und trist vor. So viel Verkehrschaos überforderte uns (nach einsamen Tagen unterwegs). Doch dann, allmählich bekamen wir ein Gefühl für diese Stadt. Es fing an uns zu gefallen. Ecken und Kanten. Widersprüche wo man hinsieht. Viel Historisches, viele Neustarts. Viel Strassenkunst. Etwas Rebellisches in der Luft, gleichzeitig viel Angepasstes, Mitläuferisches. Kleine Oasen und Zartes, wenn man ein bisschen sucht und genau hinschaut.

Für diese Zeit sind wir vorübergehende aus unserem DAF aus- und in eine Wohnung eingezogen. Mal wieder etwas mehr Platz. Wieder mal durch eine Wohnung rennen, mal wieder indoor die Yogamatte ausrollen, mal wieder testen, wie sich das Sesshaftsein anfühlt. Und vor allem ganz wichtig: mit einem richtigen Backofen Weihnachtsguetsli backen!

Unterwegs waren wir vor allem zu Fuss, mit Bus, mit Metro (es gibt zwei Linien: eine fährt N-S, eine W-O. Warum auch komplizierter?) und James zeitweise mit seinem Scooter. Wir kennen nun doch ein paar gute Skateparks. 🙂 So sind wir durch die verschiedenen Viertel und Gegenden spaziert, haben uns treiben lassen.

Inspiration fanden wir einerseits von Menschen, die wir unterwegs getroffen hatten, von Freunden, die schon mal hier waren, dem sehr empfehlenswerten Blog wander-lush sowie unserem Bauchgefühl und unserer Nase. Immer dieser nach.

Ein paar unserer Highlights teilen wir hier gerne mit euch, auch in Bildern weiter unten.

  • Old Tbilisi
  • Spaziergang zur Kartlis Deda
  • Strassenkunst
  • Weihnachtsmarkt im Dedaena Park (inkl. Käse-Stand von der Swiss Agriculture School Caucasus)
  • Café Mziuri
  • Café Slink
  • Weindegu in der Weinbar 8000 vintages
  • Besuch im MoMA
  • Durch die Vintage Shops beim Dezerter Bazaar stöbern
  • Flohmarkt bei der Dry Bridge
  • Begegnung mit Laura, Immo, Alba und Mila, einer deutschen Familie, die hier lebt. Drei playdates innerhalb einer Woche!🙂

Kulissen

“Die ganze Welt ist eine Bühne.” Dieser Satz, geschrieben von William Shakespeare, kam mir in den letzten Tage immer wieder mal in den Sinn. Wir bewegen uns auf dieser grossen Bühne, entdecken und bestaunen die vielseitigen Kulissen.

Wir sehen als Reisende oft nur an die Fassaden heran. Die Naturkulissen erobern zuverlässig unser Herz. Die Kulissen, die zu den Leben der Menschen hier gehören, trüben ab und zu unser Herz. Oft sind wir nur ein paar Tage am gleichen Ort. Wir erleben viele kurze Begegnungen mit Einheimischen, sei es auf dem Markt, in den Restaurants, an den Orten, die wir besuchen. Begegnungen, die an der Oberfläche verharren, sich auf die kurzen Augenblicke der Interaktion beschränken. Tiefer gehen ist schwierig. Vorallem aufgrund der sprachlichen Barriere. Auch wenn ich mit viel Mühe und Liebe versuche den Georgischen Schriftzeichen Herrin zu werden und es scheint, als hätte sich mein Russischkurs für AnfängerInnen doch ein bisschen gelohnt, bleiben wir oft an der Oberfläche. Welche Geschichten sich darunter verbergen, bleibt uns ein Rätsel, unserer Fantasie überlassen.

Hinter die Kulissen blicken ist drum leider für uns noch zu wenig möglich. Meistens dann, wenn jemand Englisch spricht. Dann nutzen wir die Gunst der Stunde und fragen die Person über das Leben in Georgien aus.

Die Wohnhäuser, Läden, Verkaufsstände, Autos oder Strassen in vielen Orten sind aus unserer helvetisch weichgespülten, im Überfluss schwimmenden (oder ertrinkenden?), an flüssige Mittel gewöhnten Perspektive ärmlich, spartanisch, ja unbrauchbar. Der Zahn der Zeit nagt hier hartnäckig. Selten wirkt ein Haus wirklich fertig. Es wird improvisiert, gebastelt, weggelassen, sich damit abgefunden oder verlassen. Von aussen scheint Vieles unwirtlich, abgenutzt. Doch “don’t judge a book by its cover.” Die wärmende Herzlichkeit, verschmitztes Lachen oder Neugier, die oft aus der Kulisse hinausblinzelt, lassen die Bilder wanken.

Auch in unserer kleinen Welt, auf der kleinen Bühne von Mathias, James und mir ist nicht nur alles Honigschlecken. Es mag oft harmonisch und strahlend aussehen auf unseren Fotos. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn auch hinter unserer Kulisse wird improvisiert, gebastelt, emotional überstrichen, rausgebrüllt oder runtergeschluckt. Wir haben kaum Fotos von den anstrengenden Momenten, von den zwischenmenschlichen Herausforderungen auf engem Raum, von den energieraubenden Eltern-Kind-Situationen oder wenn wir uns auf die Nerven gehen. Davon gibt es keine Bilder und doch haben wir sie täglich.

Vielleicht schaffen wir es, auch mal in solchen Momenten auf den Auslöser zu drücken.

Wo und wie hast du zuletzt hinter die Kulisse geschaut?

Georgien – Kennenlernphase

Weisst du, wie sich das anfühlt, wenn du ein Ziel erreichst, das du schon seit Jahren im Kopf und in deinen Träumen mitträgst? Kannst du es beschreiben?

Tief erfüllt, dankbar, zufrieden und manchmal auch bisschen surreal; so würde ich es beschreiben, wie es sich für uns gerade anfühlt. Hier in Georgien. Vor über 6 Jahren haben wir eine BBC Doku-Serie über die Kaukasischen Länder gesehen und seither spürten wir eine gewisse Verliebtheit aus der Ferne mit Georgien. “Da möchte ich gerne mal hin”, waren damals meine Worte.

Ob aus der Verliebtheit aus der Ferne die grosse Liebe vor Ort wird, werden wir herausfinden in den kommenden Wochen, in denen wir uns hier treiben lassen werden. Wir sind immer noch in der Kennenlernphase. Klar ist aber schon jetzt, dass wir uns hier unglaublich wohl fühlen und wir von der bisher erlebten Natur- und Kulturschönheit beeindruckt und genährt sind.

Wir sind nun seit zwei Wochen im Land. Die ersten paar Tage haben wir in Batumi am Schwarzen Meer verbracht. Es ist die zweitgrösste Stadt im Land, mit grossstädtischem Flaire und gleichzeitig kleinverwinkeltem Charme und bietete uns alles, um uns zu organisieren (e-sim kaufen, Geld wechseln, Offroad-Guide finden, Buchläden durchstöbern, so Zeug halt) und einen ersten Eindruck wirken zu lassen.

Die nächsten Tage tingelten wir sehr gemütlich weiter Richtung Berge, genauer nach Swanetien im Grossen Kaukasus. Da wollten wir noch hin, bevor der Schnee endgültig kommt und bleibt. Ushguli unser Ziel. Man (= die GeorgierInnen und wohl alle Touristen, die hier waren) sagt, dass Ushguli das schönste Dorf in Swanetien sei. Nicht umsonst ist ein Ortsteil davon Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Die typischen swanetischen Wehrtürme und Steinhäuser, gepaart mit der atemberaubenden Bergkulisse (der höchste Berg Georgiens steht hier, Shkhara mit 5203 MüM) machen diesen Ort zu einem ganz speziellen.

Wir sind nun schon seit vier Tagen hier. Wir wandern, staunen und reiten. Sagen gefühlt 100 Mal am Tag “wow, so schön!”. Es gibt frische Bergluft, feines lokales Essen (z.B. das Swanetische Khachapuri oder Tashmijabi) und viele Hunde. Extrem viele Hunde. Einige davon schlafen unter unserem Truck, begleiten uns auf unseren Wanderungen zum Shkhara Gletscher und zu den alten Türmen, die oberhalb des Dorfes thronen. Ganz zur Freude von Wanderfloh James. Er meinte kürzlich: “Du weisst ja, Mama, wenn ich mit Tieren sein kann, bin ich zufrieden.”

Abwägen

Wir müssten eigentlich noch ein Jahr anhängen. Ja, wenn wir alles Schöne in Ruhe entdecken wollen würden, bräuchten wir ein weiteres Jahr. Mindestens.

Alle, die reisen, kennen das; dieses Abwägen zwischen ankommen und unterwegs sein wollen.

Ankommen wollen. Ja das wollen wir in Georgien. Im Herbst. Also quasi jetzt. Weil sich unsere ganze Reise etwas verzögerte, haben wir nun fast bisserl Zeitstress. Herje. 🙂 Das bedeutet, dass wir zügig ostwärts vorwärts kommen wollen. Wenn da bloss nicht die vielseitige Türkei unter unseren Rädern vorbeirollen würde. Unterwegs sein wollen wir ja auch. Unterwegs sein bedeutet für uns, dass wir auch Zeit haben für Umwege und fürs Treibenlassen. So geht uns das im Moment mit dem Abwägen.

Nach den Tagen in Istanbul verbrachten wir drei gemütliche Tage am schönen Ort Safranbolu. Da liessen wir uns treiben. Schlenderten durch die Gassen, wanderten durch den Tokatli Canyon und entspannten im Hamam. Bilderbuchtouristen.

Nun fahren wir der Schwarzmeerküste entlang, quasi direttissima an die Grenze? Nicht ganz. Wir merken auch hier, dass wir das eine oder andere Seitental erkunden möchten. So zum Beispiel das Altindere Valley mit dem Sümela Kloster und die Bergdörfer auf den Plateaus drumherum.

Ihr merkt, so ganz durchflitzen können und wollen wir nicht. Das eigene Tempo finden ist die Kunst. In diesem Sinne hoffen wir, dass der Georgische Herbst noch ein bisschen bleibt und auf uns wartet. Wir kommen; in unserem Tempo.

Bald dicht?

Ihr seid ja nicht ganz dicht.

Das können wir gerne so bestätigen. Schon Wochen vor unserer Abreise hat Mathias versucht das Leck im Dach zu orten. Zusammen mit Pascal von der Camperwerkstatt Pfister (super Partner für Camper- Ausbau, liebe Grüsse an dieser Stelle) meinten wir, die undichte Stelle gefunden und vorallem repariert zu haben. Unsere Stimmung: heiter.

Doch der Regen ein paar Tage vor der Abreise sollte uns etwas anderes zeigen. Da tropfts noch immer irgendwo rein. Unsere Stimmung: betrübt.

Also ging die Suche nach dem Leck weiter. Nach Stunden mit dem Gartenschlauch auf dem Dach hatte Mathias einen neuen Verdacht. Erste provisorische Abdichtungsbemühungen würden vielleicht sogar reichen fürs erste?

Leider nein. Sollen wir trotzdem einfach los und auf gutes Wetter hoffen? Ja, das klingt nach einem Plan.

Tatsächlich dauerte es einen ganzen Monat, seit unserer Abfahrt in Gams, bis wir die nächsten Regentropfen spürten. Die Kabine blieb bei Regen soweit trocken, da wir hier in Istanbul zum Glück keinen sintflutartigen Regen erlebten, wie damals noch in der Schweiz Ende August.  Wir möchten aber auf den Winter hin doch gerne eine dichte Kabine. Diesen Luxus gönnen wir uns. Deshalb nutzen wir die Möglichkeit in Istanbul, das ganze richtig zu reparieren. Solarpanels weg, gut abdichten, Solarpanels wieder ran.

So stehen wir nun ein paar Tage bei Ufuk Karavan und profitieren von einer hohen Garage mit Werkzeug und Unterstützung von Ufuk Bingül, dem Inhaber.

So werden wir bald die Frage, ob wir nicht ganz dicht sind, nur noch metaphorisch bejahen können.