Kulissen

“Die ganze Welt ist eine Bühne.” Dieser Satz, geschrieben von William Shakespeare, kam mir in den letzten Tage immer wieder mal in den Sinn. Wir bewegen uns auf dieser grossen Bühne, entdecken und bestaunen die vielseitigen Kulissen.

Wir sehen als Reisende oft nur an die Fassaden heran. Die Naturkulissen erobern zuverlässig unser Herz. Die Kulissen, die zu den Leben der Menschen hier gehören, trüben ab und zu unser Herz. Oft sind wir nur ein paar Tage am gleichen Ort. Wir erleben viele kurze Begegnungen mit Einheimischen, sei es auf dem Markt, in den Restaurants, an den Orten, die wir besuchen. Begegnungen, die an der Oberfläche verharren, sich auf die kurzen Augenblicke der Interaktion beschränken. Tiefer gehen ist schwierig. Vorallem aufgrund der sprachlichen Barriere. Auch wenn ich mit viel Mühe und Liebe versuche den Georgischen Schriftzeichen Herrin zu werden und es scheint, als hätte sich mein Russischkurs für AnfängerInnen doch ein bisschen gelohnt, bleiben wir oft an der Oberfläche. Welche Geschichten sich darunter verbergen, bleibt uns ein Rätsel, unserer Fantasie überlassen.

Hinter die Kulissen blicken ist drum leider für uns noch zu wenig möglich. Meistens dann, wenn jemand Englisch spricht. Dann nutzen wir die Gunst der Stunde und fragen die Person über das Leben in Georgien aus.

Die Wohnhäuser, Läden, Verkaufsstände, Autos oder Strassen in vielen Orten sind aus unserer helvetisch weichgespülten, im Überfluss schwimmenden (oder ertrinkenden?), an flüssige Mittel gewöhnten Perspektive ärmlich, spartanisch, ja unbrauchbar. Der Zahn der Zeit nagt hier hartnäckig. Selten wirkt ein Haus wirklich fertig. Es wird improvisiert, gebastelt, weggelassen, sich damit abgefunden oder verlassen. Von aussen scheint Vieles unwirtlich, abgenutzt. Doch “don’t judge a book by its cover.” Die wärmende Herzlichkeit, verschmitztes Lachen oder Neugier, die oft aus der Kulisse hinausblinzelt, lassen die Bilder wanken.

Auch in unserer kleinen Welt, auf der kleinen Bühne von Mathias, James und mir ist nicht nur alles Honigschlecken. Es mag oft harmonisch und strahlend aussehen auf unseren Fotos. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Denn auch hinter unserer Kulisse wird improvisiert, gebastelt, emotional überstrichen, rausgebrüllt oder runtergeschluckt. Wir haben kaum Fotos von den anstrengenden Momenten, von den zwischenmenschlichen Herausforderungen auf engem Raum, von den energieraubenden Eltern-Kind-Situationen oder wenn wir uns auf die Nerven gehen. Davon gibt es keine Bilder und doch haben wir sie täglich.

Vielleicht schaffen wir es, auch mal in solchen Momenten auf den Auslöser zu drücken.

Wo und wie hast du zuletzt hinter die Kulisse geschaut?

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